Archiv des Autors: Schuschinus

Dinge die mit Zahlen bedruckt sind

Im letzen Beitrag habe ich quasi-autistische Detailinteressen angeschnitten, auf die ich nun genauer eingehe will. Seit ich denken kann haben mich immer wieder Dinge fasziniert, die für andere nebensächlich und nicht beachtenswert sind. So hielt sich meine Begeisterung für Autos und Autofahren in Grenzen, aber Lenkräder, Radkappen und Federungen hatten es mir angetan und wenn man bei einem Spielzeugauto nicht die Motorhaube öffnen konnte, um die wunderschöne technische Ornamentik zu bewundern, fehlte etwas. Desweiteren hatte ich ein Faible für Bohrer, Gewichte, Reagenzgläser, Zahnräder und Dinge die mit Zahlen bedruckt sind. Deshalb habe ich die bunten Plastikschildchen gesammelt, die an gefällte Bäume angebracht sind oder die Konfektionsgrößen-Kennzeichnungsringe für Kleiderbügel.

Glocken habe ich auch gesammelt, denn in meiner Stadt gibt es alte Kirchen mit heruntergefallenen Glocken. Der eingedrücktem aufgebrochene Boden, die Bruchkanten des zerschellten Metalls, die wie Kontinente zusammenpassen, das ist so ästhetisch. Ähnlich wie Glocken sind auch Baggerschaufeln große metallene Hohlkörper, deren Form auf mich äußerst ansprechen wirkte. Das halbkreisförmige Profil, dass unten in einer Geraden ausläuft, für andere nur eine zweckmäßige Form, für mich war das begehrenswert, ebenso wie verbeulte Münzen mit Patina. Das machte für mich das Flair von Altem und Geheimnisvollem aus, womit ich auch das Intro von Schliemanns Erben assoziiere

Mein leichtes Messietum zahlt sich aus, denn viele Dinge die jahrelang nur Staub fingen, konnte irgendwann in Kunstprojekten verwenden. Leider sind auch einige Sammlungen aus Platzmangel aufgelöst worden wie die Trinkjoghurtflaschenarmee.

Ich mag Gesichter und Masken, so kommt es vor, dass ich ganze Blätter mit Monsterköpfen fülle. Es gab mal im Kaugummiautomaten Monsterköpfe, die man auf den Bleistift stecken konnte. Sie hatten Kragen, die die Gesichter auf spezielle Art einrahmten, was eine spezielle Monster-Ära begründete.
Ich könnte eine lange Erörterung nur über das Design der Mundpartien von Super-Sentai-Helmen schreiben und dabei den Bogen spannen über die allgemeinen Besonderheiten moderner japanischer Mecha-Gesichtsgestaltung. Das schöne ist, dass es bei großen fiktiven Welten wie Star Trek oder Star Wars viele Nerds gibt, die alles bis ins Kleinste analysieren. So lässt sich doch manche Information über klingonische Stirnfalten finden oder welche Modellbausätze für das Raumschiffgreebling ausgeschlachtet wurden.

Während ich Bürokratie verabscheue, genoss ich die von Zwang befreite visuelle Wirkung von Formularen. Diese Überweisungsscheine mit ihren pastellfarbenen, verschachtelte Rechtecken, den Schriftblöcken aus Kleingedrucktem und den kreuz und quer gestreuten Zahlenreihen und Strichcodes ergeben ein abstraktes Gemälde. Ich habe einen Aktenordner angelegt mit dem Zweck, der als zweckmäßig beabsichtigten aber unverständlichen Typografie solcher Zettel zu huldigen.
Auch bei Charakterkonstellationen und Actionszenen kann ich Freude allein aus dem Formalen ziehen. So erwärmt es mein Herz, die Zusammenstellung von Kostümgruppen auf mich wirken zu lassen, die Dichte von Kampfgetümmel zu kategorisieren.

Eine weitere für andere schwer nachvollziehbare Leidenschaft ist die für Störungsartefakte. Schon früh versuchte ich die Kratzer und das Flimmern alter Filme in Daumenkinos zu simulieren. VHS-Streifen und leiernde Tonspuren sind genauso schön wie das sogenannte Datamoshing, welches ich erstmals 2003 im BIZ entdeckte. Dort gab es stinklangweilige Infovideos, aber wenn man wiederholt auf die gleiche Stelle der Zeitleiste klickte, verzerrten sich die Gesichter zu verpixelten Fratzen.

Epochale Analyse

Ich teile mein Leben in Phasen ein, die sich an der subjektiv gefühlten Qualität meines künstlerischen Schaffens orientieren. Ein Zusammenhang mit äußeren Lebensumständen ist nicht abzustreiten, doch damit identifiziere ich mich weitaus weniger.

Die ersten 6 Jahre nenne ich Vorzeit oder Frühgeschichte. Das war bevor ich mich von der „Realität“ abgrenzte. Ich zeichnete alles, was mir gefiel ohne es irgendwie einzuordnen. Zu dieser Zeit war ich noch ohne Bewusstsein für gesellschaftliche Erwartungen und von Seiten meiner Familie kam erstaunlich wenig Verwunderung über meine Themenwahl, die neben üblichen Alltagsdingen auch quasi-autistische Detailinteressen, Protosexualität und geschlechtsuntypische Themen, Gewalt und Zerstörung sowie gleichzeitige Faszination und Ablehnung gegenüber einzelnen Aspekten von Religion enthielt.

Mitte der 90er bildeten sich die ersten Grundzüge meines Phantasieuniversums mit Völkern und Planeten, in das ich heute meine ganze Weltanschauung projiziere. Aber es hatte alles noch eine Unbeschwertheit, ohne das Gefühl sich ständig selbst übertreffen zu müssen oder Tiefsinn und Aussagen hineinlegen zu müssen, ohne Bitterkeit über das eigene Dasein. Ich begann Comics zu zeichnen, die eine unwiederbringliche kindliche Strahlkraft hatten. Diese Phase die ungefähr die Grundschulzeit abdeckte nenne ich daher das goldene Zeitalter.

Dann wechselte ich die Schule, es änderte sich die ganze Atmosphäre und wurde schwerer. Zunächst empfand ich meine bisherigen Werke als unzureichend, wollte alles nochmal und viel besser machen. Aufgrund zu hoher Ansprüche kam ich aber nicht zu dem, was ich eigentlich machen wollte. Ich verwarf viele Ideen und zeichnete Comics, die nicht zum ursprünglichen Kanon gehörten. Danach kam es noch schlimmer. Ich betrachtete die alten Comics zwar wieder als kanonisch, aber wollte unbedingt an den Glanz der alten Tage anknüpfen. Dadurch war mein Stil eine Zeit lang rückwärtsgewandt und entwickelte sich nicht weiter. Außerdem wurden einige alte Comics nachbearbeitet und damit beschädigt. Ich hinterließ einen großen Haufen angefangener Fortsetzungen, mit denen ich unzufrieden war. Diese Jahre nenne ich „Zeit der großen Fehlschläge“.

2003 besserte sich die Situation, obwohl sich an der Schule nichts änderte. Jetzt fing ich wieder an, neue eigenständige Werke zu produzieren und meine Fähigkeiten weiterzuentwickeln. Alles hatte wieder mehr Schwung und Leichtigkeit. Ich entschied, alles Alte als kanonisch anzuerkennen und es nicht mehr nachträglich zu verpfuschen, sondern mittels Bezügen in die neuen Geschichten einzugliedern. Diese Phase hielt bis 2009, überstand 2 Schulwechsel und trägt den Namen „neue Blütezeit“.
Innerhalb dieser Phase gab es einen Abschnitt, der ganz besonders fruchtbar war. Von 2006 bis 2009 hatte ich in der Schule die intensivste Aufnahme von neuem Wissen und persönlichen Erfahrungen. Es gab einen großen Schub für die Entwicklung meines Weltbilds und die Produktivität erreichten einen Höhepunkt. Ich zeichnete viele Comics mit historisch sehr bedeutsamen Ereignissen für mein Universum, außerdem begann ich Filme zu machen und generell die digitale Kunst für mich zu entdecken.

Es ging mehr oder weniger fließend in eine kurze Phase namens „Zeit des Wahns“ über. Da habe ich mal kurz Bio studiert und meine Werke hatten eine psychedelische Qualität mit einer Dichte und Verrücktheit, die mich selbst überrascht.

Den Rest habe ich noch nicht in Phasen aufgeteilt oder benannt. Als ich auf der Designschule war produzierte ich weiter fleißig Filme und Comics. Während die Filme an die Öffentlichkeit gerichtete visuelle Experimente sind, zeichnet sich mein Gemütszustand eher in den nicht öffentlichen Comics ab. Dort sind die Geschichten seitdem von Verachtung für das Leben in dieser Welt geprägt. Zynisch überzeichnete Gewalt und Perversion wird der Sehnsucht nach Abenteuer und Romantik gegenübergestellt.
Doch jüngst vernehme ich einen beängstigenden Abschwung bei den Comics. Die Inhalte werden zerstückelter und gehen schwer von der Hand.

EDIT:
Detaillierte und tiefgehende Infos zu diesem Thema gibt es im Wikiportal Schuschiversum:
https://plateau-trivial.de/wiki/index.php?title=Schuschiversum

Verkackte Gelegenheiten

Ich wandere wachen Blickes durch die Stadt, auf der Suche nach passenden Augenblicken für Kontakte, und vermeide sie gleichzeitig. Meistens überfordert mich das alles, Penner betteln, Hunde kläffen, eine Reisegruppe schiebt sich einem in den Weg und man fühlt sich beobachtet von Passanten, die eigentlich nur Beiwerk sein sollten. Da biege ich lieber in eine ruhige Seitenstraße ab. Kommt es doch mal zu einem Kontakt, lässt mich die mangelnde Übung und die Aufregung es grundsätzlich verkacken. Und es passiert viel zu selten, als dass man an Übung gewinnen könnte.

Hier ein paar Beispiele:

  • Restaurantbesuch mit Familie. Wir wollten gerade gehen, da traf ich eine ehemalige Klassenkameradin, die ich immer als angenehme Person empfand. Der Zeitpunkt war ungünstig und so blieb es bei ein paar floskelhaften Sätzen. Später fiel mir ein, dass sie einst sagte, Animes zu mögen. Das wäre eine gute Gesprächsgrundlage gewesen, in deren Zuge sich auch Eigenwerbung angeboten hätte.
  • In einem anonymen Zufalls-Chat, bei dem die Wahrscheinlichkeit auf Hirnzellen zu treffen extrem gering ist, ist mir einmal ein anregendes Gespräch gelungen. Zwar habe ich meine Internetpräsenzen gepostet, mit denen ich über Umwege erreichbar wäre, aber wer weiß, ob die Person sie sich gemerkt hat, oder ob ich wie immer der Einzige bin, bei  dem besondere Augenblicken so lange nachwirken. Man wird es nie erfahren. Man hat Sorge, zu aufdringlich zu sein, sich irgendwelche Hoffnungen zu machen und enttäuscht zu werden, oder als romantischer Spinner verlacht zu werden. So lässt man Chancen verstreichen und gibt sich weiterhin cool und distanziert. Die Menschen leben aneinander vorbei.
  • Beim Gang durch die Fußgängerzone, ich hatte gerade zur Abhärtung den Sermon einer mäßig attraktiven Spendenschnorrerin über mich ergehen lassen, da lief ich gleich in die nächste Falle zweier Spendenschnorrerinnen, die diesmal aber sehr attraktiv und wohl auch rallig waren. Sie hatten auch nicht so aufgesetzte Mitleidsvisagen. Ihre Energie war mitreißend und da ich kurz zuvor eine Übung hatte, war ich überrascht, wie gut ich reagieren konnte. Hat aber im Endeffekt auch nicht über meine Unfähigkeit und die Angst, sich zu öffnen und auf irgendwas spontan einzugehen hinweggeholfen.
  • Eine unbekannte Metalband hat auf der Straße ihr Album vertickt. Ich finde das ja prinzipiell gut, wenn Leute kreativ sind, aber ich habe das nicht gekauft, weil ich völlig überrumpelt war und es nicht meine Art ist, spontan die Katze im Sack zu kaufen. Ich hätte ihnen meine grafischen Dienste anbieten können, Metaller finden tendenziell Gefallen an meiner Kunst, aber auf sowas kommt man ja in solch einer Stresssituation nicht. Natürlich habe ich auch vergessen, mir deren Namen zu merken, um das im Internet nachzugucken.
  • Gestern beim Spazieren quatscht mich so ein Typ von der Seite an und fragt mich erstaunlicherweise nicht nach Geld oder dem Weg, sondern nach meiner Weltanschauung. Noch erstaunlicher war, dass er mich offenbar gar nicht zu irgendwas bekehren wollte, sondern wirklich an meiner Meinung interessiert zu sein schien, obwohl er sich selbst als Christ bezeichnete. Also hab ich mit ihm geredet, das war so anstrengend. Nicht, dass er sonderlich rhetorisch gewandt war, im Gegenteil. Er wirkte unsicher und noch nicht vollständig verkalkt. Es wäre einen Versuch wert gewesen, ihn zu verwirren und zu erstaunen, wäre man mündlich doch nur überzeugender und schlagfertiger. Er wollte danach um die Ecke zu seinen Freunden. Irgendwie bezweifle ich, dass diese Freunde physisch waren. Selbstredend habe ich wieder vergessen, ihn auf weitere Kontaktmöglichkeiten hinzuweisen.

Dinger machen, so nebenbei

https://schuschinus.tumblr.com/post/132408519538

Als die Idee vom Plateau als Raumschiff thematisiert wurde, fing mein Gehirn automatisch an, es zu visualisieren und für mich war es schnell beschlossene Sache, es auch umzusetzen. Es macht mir zuweilen Spaß, Ideen anderer aufzugreifen und ungefragt etwas damit zu gestalten. Es ist eine ungezwungene Abwechslung zu den eigenen Projekten, bei denen man sich mit der Zeit in übertriebenen Perfektionismus festzufahren neigt.
Kurz zuvor hatte ich angefangen, den Umgang mit dem 3D-Progamm Blender zu lernen. Ich habe versucht, das typische Star Trek Design mit dem Plateau Logo zu kombinieren. Dafür bin ich von einer sechseckigen Grundform der Untertassensektion mit integrierten Warpgondeln ausgegangen, das Dreieck ließ sich in Form eines Bügels oben draufsetzen, was der sonst kompakten Form wieder mehr Charakter gibt.
Da das Schiff symmetrisch ist, habe ich habe ich das Modell samt der Textur nur zur Hälfte erstellt und automatisch gespiegelt. Als es dazu kam, den Namen aufs Schiff zu schreiben, waren meine Blender-Kenntnisse noch nicht ausreichend, eine elegante Lösung für das Spiegelproblem zu finden. Nemesus hatte die Idee, ein Ambigramm zu benutzen, wovon ich sehr angetan war. Ich kannte die faszinierenden Ambigramme aus Illuminati und Nemi wollte bei deren Designer anfragen, ich konnte es aber nicht auf mir sitzen lassen, es nicht selbst zu probieren.
Ich hatte mich schon früher mit Drehbildern und optischen Illusionen beschäftigt, aber noch nie ein Ambigramm gemacht. Zunächst habe ich den normalen und gespiegelten Schriftzug gegenübergestellt und geguckt, wie sich die Formen kombinieren lassen. Am schwierigsten waren die Buchstaben FF, die zu AN werden mussten. Danach müssen die skizzierten Formen in ein einheitliches Schriftbild gepackt werden. Das heraussuchen passender Schriftarten und deren Modifikation ist aufwändiger, als die Buchstaben gleich selbst zu konstruieren. Das Ergebnis ist nicht so schick wie ein ausgefeilter Font mit ausgewogenen Abständen und Strichstärken.
Ich war überrascht, dass Nemi dieses Teil was ich auf die Schnelle hingezimmert habe, bevor er wieder Unsummen dafür ausgibt, so sehr als Ausdruck der Zusammenarbeit, wie sie vom Plateau beabsichtigt, ansah.