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Ein paar Gedanken zu »Fight Club« (David Fincher) – Spoiler!

Hin und wieder stoße ich tatsächlich beim herumstreifen durch die (virtuelle) Welt unverhofft auf ein Stück Geistesheimat. Dann steht da zu meiner Freude sowas wie „dass das eigentliche Thema von Fight Club nicht widerständische Gewaltbereitschaft ist, sondern die Tatsache, dass man leiden muss, um zu Bewusstheit und Freiheit zu gelangen“ – der Weg des Protagonisten ist, wie der vieler Märchenhelden, kein Wochenendurlaub; die Vereinigung mit der Prinzessin (Marla), sprich die innere Ganzheit, hat seinen Preis. Aber ich fang‘ ein bisschen früher an.

Da sitzt er – ob er nun Cornelius, Rupert oder Jack heißt – im Flugzeug auf seinen Geschäftsreisen und legt uns auf dramatische Weise eine scheinbar perverse Wunschphantasie offen: Er will zuweilen einen Flugzeugabsturz erleben. Man ahnt dahinter Sehnsucht nach Ausbruch aus der dumpfen Qual seiner inneren Leere, die wie immer allerlei Süchte und Lebenssurrogate hervorbringt, mit denen er hineinzupassen scheint in die ihn umgebende Welt von sinnloser Arbeit, Fernsehshows, Ikea-Nestbau und kornblumenblauer Krawatten. Seine psychische Symptomatik aber zeigt, dass er (noch) nicht tot genug ist, um sich dieser Art Leben – das von vielen Corneliussen, Ruperts und Jacks geführt wird – ganz zu ergeben. Gleichzeitig ist da ein Ohnmachtsgefühl, sich eigenmächtig aus seinem Zustand zu befreien, und dieser Konflikt schafft eine Verzweiflung, die in seiner Wunschphantasie vom Flugzeugunglück zum Ausdruck kommt. Man hat wohl zurecht das Gefühl, dass auf diesem Gipfel der Missstandsdarstellung Tyler endlich hervorgerufen wird.

Der Geist nun, den er rief, spricht die Misere aus, die ihm auf der Zunge liegt. Mit seinem Idealismus, seiner Authentizität und Freiheit ist er gleich eine überlegene Kontrastfigur. Als Figur der Innenwelt Jacks kommt er dem Jungschen „Selbst“ nahe; sein Erscheinen ist praktisch der Beginn eines schweren Befreiungs- und Individuationsweges, in den er ausgerechnet von den edelsten Strebungen seiner Psyche geworfen wird:

– Aufgrund seiner Betäubung fügt sich Jack trotz seiner Unzufriedenheit in die Normalität. Damit hängt unter anderem sein repressives Über-Ich zusammen, das typisch ist für die vielen »Nice Guys« unserer Zeit; drei Liter Bier können ihm nicht die Hemmung nehmen, Tyler um Unterkunft zu fragen. Eine aktive, angehende Lebenshaltung erfordert freieren Umgang mit der eigenen Aggressivität und Triebhaftigkeit. Indem Tyler dazu ermutigt, an Stelle des (falschen) Gewissens eine ursprünglichere Authentizität zu setzen, gibt Jack bisher ungelebte Schattenseiten frei („Tylers Worte kamen aus meinem Mund. Und ich war mal so ein netter Kerl“). Er lernt die Achtung verlieren vor Sitten und dem allgemeinen Treiben und Trachten.

– Stattdessen kehrt er zu seinen schuttgelegten höheren Ziele zurück und lernt seinem innerpsychischen Telos zu vertrauen („Er [Tyler] hatte einen Plan und der ergab langsam einen Sinn. Tylermäßig betrachtet“).

– Tyler vernichtet sein Ikea-Nest, seinen materiellen Besitz, an den Jack seine Identität geknüpft und in der er die innere Ganzheit gesucht hat. Dadurch kommt das innere Elend (Symbol des Dreckslochs, das er dann bewohnt) zum Vorschein; denn wenn wir unsere Anhaftungen aufgeben, wird der seelische Mangel offenbar, auf denen sie kompensatorisch aufgebaut sind. Ziel ist es, sich dem Mangel, dem Leiden zu stellen, statt uns in die Sklaverei zu fügen, ewig alle möglichen Abwehrmittel aufrechterhalten zu müssen. Es geht dabei um viel mehr als Konsumismus; ob wir uns klammern an Illusionen der eigenen Wichtigkeit, Sicherheit, zukünftigen Erfolgs, Kontrolle oder an Talent, Wissen, Geschmack, – das alles muss gelöst werden durch das verinnerlichen der Realität der Vergänglichkeit, der eigenen Sterblichkeit, der Unsicherheit und Leidhaftigkeit des Lebens („Ihr seid nichts Besonderes. Ihr seid keine wunderschönen, einzigartigen Schneeflocken. Ihr seid genauso verwesende Biomasse wie alles andere. Wir sind der singende, tanzende Abschaum der Welt“). Ziel ist der „Nullpunkt“.

– Deutlich sichtbar wird im Laufe dieses Weges-ins-Innere: Jack ist, wie viele Menschen, im Grunde traumatisiert. Er fühlt sich von seiner Familie, besonders von seinem Vater, alleingelassen und abgelehnt. Er hat die lieblose Familienathmosphäre seiner Kindheit genauso wenig „hinter sich gebracht“ wie seine schwarze Wut des im Stich gelassenen Kindes.

Wie Demian weist Tyler einen Weg, der über ihn hinausgeht; zuletzt muss sich Jack auch von ihm trennen, um endlich jenen Nullpunkt zu erreichen, an dem das Feld freigeräumt ist für das Wachstum des ursprünglich in ihm angelegten Selbst. Das letzte Bild des Filmes, in dessen Zentrum sich Marla und Jack anblicken, ist das Bild der verwirklichten Ganzheit und Freiheit. Jack ist frei, ein Liebender zu sein, die Frau zu lieben, in der er bisher wie in einem Spiegel sich selbst abgelehnt hat. Die unter Explosionen einstürzenden Bauten entsprechen einem Feuerwerk.

Die narrative Tiefenstruktur in Fight Club behandelt einen heroischen Werdegang, die Darstellungsweise ist humorvoll-distanziert, leider nicht frei von Elementen  kommerzieller Filme. Mir gefällt, wie eindringlich auf unsere Zeit eingegangen wird. Eine Zeit, die voller Kapitalismus- und Gesellschaftskritik ist; aber die paar Personen, die sich auf einer echten spirituellen Suche nach Freiheit und Bewusstheit befinden, sind damit nicht selten alleine. Das rebellierende Kollektiv, mit dem sich Tyler und Jack umgeben, bilden bald wieder ein eigenes Herrschaftssystem und Gruppenkonformismus. Die einzige Wandlung findet im Protagonisten statt, kann nur im Individuum stattfinden, in der Auseinandersetzung mit dem eigenen Unbewussten. Die Einsamkeit erschwert diesen Weg. Vielleicht kann sie irgendwann abgemildert werden, wenn man auf breiterer Ebene zu einem rechten Umgang mit dem eigenen Leid findet. – Fight Club könnte manchen dazu ermutigen.